Leitbild

Aargauische Gesellschaft für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie

Leitbild Kinder- und Jugendpsychiatrie

Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein relativ neues Fachgebiet in der Medizin. Erst seit 1974 sind FachärztInnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Kanton Aargau tätig. Das hat den kantonalen Berufsverband 1999 bewogen, diese kurze Informationsschrift zusammenzustellen. Diese Information richtet sich an an Eltern und Jugendliche, aber auch an Fachleute aus dem sozialen, pädagogischen Bereich und Vertreter benachbarter Fachgebiete.

Die Kinderpsychiatrie befasst sich als eigenständige Facharztdisziplin mit den Voraussetzungen der psychischen Gesundheit, beziehungsweise mit den Ursachen möglicher Störungen sowie Behandlung, Prävention und Psychohygiene in der Reifungs- und Entwicklungsphase von Geburt bis zum Abschluss der Adoleszenz. Typisch für die Kinderpsychiatrie ist die enge Zusammenarbeit mit benachbarten Disziplinen wie Kinderheilkunde und Neurologie, Psychiatrie sowie Psychologie und Pädagogik/Heilpädagogik.

So bewegt sich die kinderpsychiatrische Tätigkeit ständig in einem multiprofessionellen Netzwerk und integriert Teilaspekte und Erkenntnisse verschiedener Fachgebiete zu einem möglichst ganzheitlichen Bild. Körperliche, seelische und gesellschaftliche Einflüsse bestehen nicht nebeneinander, sondern sind ineinander verwoben in ihrer Bedeutung bei jedem Kind und Jugendlichen zu verstehen.

Seit 1974 gibt es einen Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst im Kanton Aargau und in den folgenden Jahren wurden kinder- und jugendpsychiatrischen Arztpraxen eröffnet.

Die Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater

Die kinder- und jugendpsychiatrische Tätigkeit setzt eine breite Ausbildung voraus. Nach einem 6-jährigen Medizinstudium erfolgt eine mindestens 6 Jahre dauernde Facharztausbildung. lm Rahmen der Facharztausbildung werden sowohl Kenntnisse über die körperlichen Grundlagen für mögliche Entwicklungsprobleme und Störungen vermittelt, aber auch wesentliche Inhalte der Wissenschaftsgebiete Psychologie und Psychotherapie sowie Kinderheilkunde und Pädagogik/Heilpädagogik.

Zur Ausbildung gehört eine mehrjährige Tätigkeit in einem ambulanten kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst und eventuell in einer Ausbildungspraxis sowie eine ein bis zweijährige Tätigkeit in einer stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung. Im Bereich der Psychotherapie müssen mehrere therapeutische Ansätze erlernt werden. Damit soll sichergestellt sein, dass die für Ihr Kind passende therapeutische Methode angewandt wird.

Zu den Aufgaben der Kinder- und JugenpsychiaterInnen

Schwerpunkt der Tätigkeit von Kinder- und JugendpsychiaterInnen sind Abklärungen, Beratung und Therapie bei kinder- und jugendpsychiatrischen Krankheitsbildern wie Depressionen, Angststörungen, psychoorganischen Syndrom/Aufmerksamkeitsstörungen, Verhaltens- und Entwicklungsproblemen sowie Entwicklungsstörungen wie psycho- motorische Entwicklungsrückstände, Teilleistungsstörungen und Spracherwerbsstörungen. Auch die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen wie Enuresis (Einnässen), Enkopresis (Einkoten) sowie Essstörungen wie Anorexie und Bulimie gehören in das Fachgebiet.

Im Zentrum der kinder- und jugendpsychiatrischen Tätigkeit stehen die ambulante Abklärung und Therapie durch die privat praktizierenden KinderpsychiaterInnen und den kantonalen Dienst. KinderpsychiaterInnen übernehmen auch Beratungs- und Triagefunktionen bei Hausärzten, Pädiatern sowie in den Kinderklinken.

Neue Schwerpunkte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind die Begleitung bei chronischen körperlichen Krankheiten und den damit verbundenen Anpassungsleistungen beim betroffenen Kind und in der Familie sowie Begleitung und Therapie bei psychosozialen Krisen bei Scheidung oder Trennung der Eltern, Hospitalisation eines Elternteils oder Geschwisters, Todesfällen oder Unfällen in der Familie sowie die Probleme und Anpassungsleistungen, die Migration von Menschen aus anderen Sprach- und Kulturregionen mit sich bringt. Auch die Abklärung schulischer Schwierigkeiten gehört, zumal sich viele psychische Probleme im Schulalltag auswirken, zu den Aufgaben des Kinder- und Jugendpsychiaters.

Die Angebote im Kanton Aargau

Die vier Ambulatorien des KJPD (Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst) befinden sich in Aarau, Baden, Rheinfelden und Wohlen, in Windisch auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Königsfelden befindet sich das Zentrale Ambulatorium für Kinder und Jugendliche, welches alle Neuanmeldungen abklärt und Kriseninterventionen anbietet.  Die aargauischen Therapiestationen in Rüfenach, Koblenz und Ennetbaden heben zum Teil Sonderschulstatus, zum Teil Kliniksstatus. Daneben beteligt sich der KJPD an einer interdisziplinären Autismus-Beratungsstelle in Baden. Die sechzehn kinder- und jugendpsychiatrischen Arztpraxen findet man in Aarau (3), Baden (3), Baden-Dättwil, Lenzburg, Brugg, Frick, Reinfelden (2), Rupperswil, Wettingen, Wohlen und Zofingen. Die Kinderkliniken im Kantonsspital Baden und Aarau werden von kinderpsychiatrischen Teams betreut, die auch in den Kinderschutzgruppen präsent sind. Angeboten wird dort auch eine Betreuung von onkologisch erkrankten Patienten/innen.

Im lnternen Psychiatrischen Dienst (Psychiatrische Klinik Königsfelden) ist ein Spezialarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, der dort jugendliche und adoleszente Patienten/innen konsiliarisch betreut. Auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Königsfelden befindet sich eine Therapiestation für Jugendliche, die vom KJPD geführt wird. In den ärztlich geleiteten Ambulatorien des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes arbeiten Fachleute verschiedener Ausbildung (Psychologie, Medizin, Administration).

Diese Ambulatorien sind immer telefonisch erreichbar und  das Zentrale Ambulatorium bietet auch über Nacht und am Wochenende einen Notfalldienst an. Aufgrund der spezifischen Ausrichtung der Ambulatorien sollten kurzfristige (auch Notfall-) Konsultationen möglich sein, auch in komplexen Fällen, die den Beizug verschiedener Fachleute nötig machen. Die Ambulatorien können, falls erforderlich, auch Abklärungs- oder therapeutische Sitzungen mit Dolmetschern arrangieren. Da der KJPD eine Ausbildungsfunktion wahrnimmt, wechseln die AssistenzärzteInnen regelmässig, so dass langfristig keine personelle Kontinuität gewährleistet werden kann. Die niedergelassenen Kinder- und JugendpsychiaterInnen erfüllen infolge ihrer langfristigen personellen Konstanz oft die Funktion einer wichtigen Vertrauensperson.

Damit ist er oder sie über Jahre Ansprechpartner und Anlaufstelle bei psychischen Problemen im Entwicklungsprozess des Kindes und Jugendlichen und deren Familien, auch kennt die JugendpsychiaterIn in der Regel die ergänzenden therapeutischen und pädagogischen Angebote in der Region sehr gut. Da die niedergelassenen Kinder- und JugendpsychiaterInnen ihre Facharztausbildung abgeschlossen haben, finden sie langjährig erfahrene SpezialärzteInnen.

Anmeldung und Finanzierung

Die Eltern (resp. die Inhaber der elterlichen Gewalt) können sich direkt telefonisch in einer Praxis oder einem Ambulatorium anmelden. Falls Sie ein spezielles Versicherungsmodell gewählt haben (Hausarztmodell), benötigen Sie das Einverständnis Ihres Hausarztes für eine Konsultation. Eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung und Therapie ist Pflichtleistung in der obligatorischen Krankenversicherung. Unter bestimmten Voraussetzungen (sogenannte Geburtsgebrechen wie das GG 404 oder 405) kann auch die Eidg. Invalidenversicherung die Kosten übernehmen. In diesem Fall entfällt eine Eigenbeteiligung des Versicherten.

Aktuelle Entwicklung und Perspektiven aus der Sicht der Kinder- und JugenpsychiaterInnen

In der Adoleszenz als Ausbildungs- und Berufsfindungszeit führen erschwerte wirtschaftliche Rahmenbedingungen eher zur erschwerten gesellschaftlichen Integration mancher Jugendlicher. Auch sogenannte Einelternfamilien kommen zunehmend unter sozialen Druck und die Kinder sind dann für psychische Störungen anfällig. Die Zunahme von Migrationssituationen führen auch zu komplexen Problemstellungen. Trotz der Zunahme der Kinder- und JugendpsychiaterInnen im Kanton besteht ein Mangel an ambulanten und stationären Behandlungsplätzen.

Worauf sie vertrauen können

Die Kinder- und JugendpsychiaterIn, die Sie aufsuchen, ist unabhängig, ob in einer privaten Praxis, kantonalen Institution oder Therapiestation tätig, zu folgenden Grundsätzen verpflichtet:

  • Menschenbild, das Achtung und Respekt vor den Rechten des Kindes und seiner Familie auf eigene Überzeugungen und Werturteile in das Zentrum stellt.
  • Ganzheitliche Betrachtungsweise, d.h. sie sind weder bestimmten Schulen noch einseitigen Ausrichtungen verpflichtet. Sie werden immer bemüht sein, das passende Angebot für Ihr spezielles Anliegen und für Ihr Kind zu finden.
  • Gewährleistet einen hohen Ausbildungsstandard. KinderpsychiaterInnen sind zu permanenter Fortbildung verpflichtet und die Teilnahme an Supervisionen und Intervisionsgruppen dient der Qualitätssicherung.
  • Sie können davon ausgehen, dass jede Information nur in Ihrem Auftrag an Dritte weitergegeben wird und das Drittpersonen nur in Ihrem Auftrag beigezogen werden.

Dieses Leitbild wurde am 2. März 1999 von der Fachgruppe Kinder- und Jugendpsychiatrie der Aargauischen Gesellschaft für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie verabschiedet. Es wird bezüglich der Versorgungsangebote regelmässig aktualisiert.

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